Arbeitskultur

Dürfen wir Sie künftig duzen – oder sollen wir dich siezen?

Wenn wir anderen Menschen gegenüber besonders höflich sein wollen, dann siezen wir sie. Im Dialog ebenso wie in der Marketingkommunikation. Völlig unnötig, findet BRANDAD-Systems-Autor Jürgen Krauß. Der letzte König hat in Deutschland vor über 100 Jahren abgedankt – warum also halten wir heute nach wie vor so vehement an den Überbleibseln des Pluralis Majestatis fest?

Duzen und Siezen
23. April 2021

geschrieben von:

Ist das relevant oder kann das weg?

Ich habe eine klare Meinung zum Siezen: Auf mich wirkt es wie aus der Zeit gefallen. Es ist eine sprachliche Formalität, die ich im Jahr 2021 schlichtweg nicht mehr benötige – ebenso wenig wie Duelle als Methode zur Konfliktresolution oder Wandmalereien als Kommunikationsform. Unsere Welt und mit ihr unsere Sprache unterliegt konstantem Wandel. Neues kommt, Altes gerät in Vergessenheit, warum also halten wir gar so vehement am „Sie“ fest? Oder anders gefragt: Welchen Zweck erfüllt das Siezen in unserer heutigen Kommunikation überhaupt noch?

Für viele ist es wahrscheinlich ein Ausdruck von Höflichkeit. Oder auch von Ehrerbietung und Respekt. Wir möchten einer uns unbekannten Person – oder jemandem, der durch Alter oder Rang augenscheinlich weit über uns selbst steht – auf wohlwollende Art begegnen. Der Knackpunkt ist nur: Ich kann mit einem „Sie“ ebenso respektlos umgehen, wie ich andererseits auch mit einem „Du“ respektvoll kommunizieren kann: „Sie Vollidiot!“ ist mindestens mal juristisch nicht mehr und nicht weniger respektvoll als „Du Vollidiot!“.

Für mich ist die Frage des Respekts eine Frage von Verhalten und Zwischentönen, wobei Respekt in der Regel eng mit Anerkennung oder Bewunderung verbunden ist: Ich respektiere Menschen, die etwas geleistet haben, die mir ein Vorbild sind oder deren Werte ich vielleicht teile oder zumindest anerkenne. Allein die Tatsache, dass jemand früher geboren ist als ich, reicht mir jedoch nicht als zu respektierende Leistung. Aber auch, wenn ich jemanden (noch) nicht respektiere, so verhalte ich mich ihm oder ihr gegenüber stets höflich und interessiert. Ich frage freundlich und aufgeschlossen nach Befindlichkeiten oder Interessen, lasse den Vortritt und halte Türen auf – das jedoch nie aus einem Gefühl der Unterwürfigkeit heraus. Kurzum: Ich behandle Menschen so, wie ich auch gerne behandelt werden würde, und begegne ihnen aufgeschlossen, aufrichtig und auf Augenhöhe. Das ist mir für unser Miteinander viel wichtiger als die Verwendung von drei statt zwei Buchstaben in der Anrede. 

Andere Länder, andere siezen

Ich gebe zu, ich blicke an dieser Stelle neidisch auf die Menschen im englischen Sprachraum, in deren Alltag es keine Unterscheidung zwischen „Du“ und „Sie“ gibt … oder keine mehr gibt: Früher entsprach das „Thou“ unserem „Du“; das Englische hat sich also über die Jahrhunderte hin zu pauschalem Gesieze entwickelt. Dennoch verfügt die Sprache nach wie vor über eine ausreichend nuancierte Bandbreite an Höflichkeitsfloskeln – Peter, Paul, Mary und alle, die sich in der Schule mit Oxford’schem Englisch auseinandergesetzt haben, können davon ein Lied singen. Dabei sprechen die Menschen jenseits des Ärmelkanals jeden und alle vom Landstreicher bis zur Politikerin schlicht mit „you“ an. Die einzige Ausnahme von dieser Regel hat jüngst ihren 95. Geburtstag gefeiert und will am liebsten mit „Your Majesty“ adressiert werden.

Wie kann der Wechsel aussehen?

Unser sozialer Code schreibt vor, dass der Wechsel hin zum „Du“ zwar von einer Seite angeboten wird, dann aber in gegenseitigem Einverständnis zu geschehen hat. In der Unternehmenskommunikation ist das kaum praktikabel. Bei BRANDAD Systems wollen wir künftig nun in der Außenkommunikation konsequent dem Trend folgen, der sich intern und untereinander längst ganz natürlich zum Standard entwickelt hat: dem grundsätzlichen „Du“.  

Interessant dabei ist: Wir duzen auch in allen Stellenausschreibungen – und trotzdem melden sich Bewerberinnen und Bewerber meist mit einem „Sie“ bei uns. Vielleicht, weil sie ein Anschreiben mehrfach verwenden und das „Sie“ für andere Unternehmen wichtiger ist; vermutlich aber einfach, weil es gesellschaftlich gesehen der kleinere Fauxpas ist, jemanden versehentlich zu siezen, als ihn versehentlich zu duzen.

Die sichtbare Umstellung nach außen mag vielleicht nicht von heute auf morgen und nicht sofort reibungslos funktionieren, aber im Zuge unseres Webseiten-Relaunchs haben wir dahingehend schon mal einen großen ersten Schritt gewagt. An allen anderen Stellen ziehen wir baldmöglichst nach. Falls du als Kundin oder Interessent, als Geschäftspartnerin oder Bewerber damit gar nicht einverstanden sein solltest, würden wir gerne mit Ihnen darüber ins Gespräch kommen, wie wir entweder einen Konsens finden oder Ihnen einen individuellen Opt-out anbieten. Das ist für uns nämlich ein Zeichen von Respekt: mit individuellen Wünschen und Befindlichkeiten rücksichtsvoll umzugehen und Menschen, so sie es denn wünschen, auch weiterhin mit „Sie“ anzureden.

In diesem Sinne: Sag uns gerne deine Meinung dazu!

23. April 2021

geschrieben von:

Jürgen Krauß
Jürgen Kauß

Über die Autorin oder den Autor:

Als Texter, Podcaster und Online-Marketer findet man Jürgen sowohl vor als auch hinter den Kulissen, wenn es um unsere Außenkommunikation geht. Der Beinahe-Digital-Native treibt außerdem die Themen Personal Branding und Corporate Influencing voran. Mehr über Jürgen.