Arbeitskultur

Wir wagen den Book Sprint: Können wir in nur 48 Stunden ein Buch schreiben?

Du weißt nicht, was ein Book Sprint ist? Keine Sorge, das wussten wir auch nicht. Aber der Pitch von unserem aCEO Joachim Stelzer klang vielversprechend: „Wollen wir nicht mal zusammen versuchen, in 48 Stunden ein Buch zu schreiben? Über unsere agilen Workhacks?“

BRANDAD wagt den Book Sprint
12. Juli 2021

geschrieben von:

Verrückt. Beim Bücherschreiben rechnet man doch nicht in Stunden oder Tagen, sondern mindestens in Wochen und Monaten, wenn nicht in Jahren ... oder?!

Noch verrückter: Es dauerte keine 30 Minuten, schon hatten sich zehn Kolleginnen und Kollegen freiwillig gemeldet und direkt angefangen, Themen, Ideen und Gedankenfetzen auf ein virtuelles Whiteboard zu kritzeln. Ähm, hat denen jemand gesagt, dass wir den Book Sprint an einem Wochenende abhalten wollen? Scheint jedenfalls niemanden zu stören – und tatsächlich liegt darin auch die Magie des Formats: Wenn ein kleines bisschen Wahnsinn auf Gleichgesinnte, auf Begeisterung und auf Inspiration trifft, wirkt auch die vermeintliche Schnapsidee, in 48 Stunden ein Buch schreiben zu wollen, plötzlich gar nicht mehr so absurd.

Was genau ist ein Book Sprint?

Noch bevor der Book Sprint Book Sprint hieß, nutzte Adam Hyde die „Innerhalb kürzester Zeit ein Buch schreiben“-Methode, um mit seiner 2006 gegründeten Non-Profit-Organisation FLOSS Manuals Handbücher und Dokumentationen für freie Software zu verfassen. Der Fokus und die sportliche Deadline führten zu hohem Druck, aber extrem schnell auch zu extrem guten Ergebnissen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis jemand das Format aufgriff, ihm einen griffigen Titel verpasste und den frisch geborenen Book Sprint auf neue Themen anwandte. Mehr zur Geschichte des Formats kannst du beim Innovationsbeirat nachlesen.

Die Zahl an Teilnehmenden, pardon, der Teilgebenden an einem Buchsprint ist nicht begrenzt; wir waren letztendlich zu acht, bei Faszination New Work waren 25 Autorinnen und Autoren am Werk. Was die Menschen hierbei eint und über den absichtlich knapp gewählten Sprintzeitraum hin motiviert, ist eine gemeinsame Idee. Eine Vision. Etwas, an das alle glauben. In unserem Fall war die Idee und damit das Thema recht schnell geboren: Wir wollten über Agilität schreiben. Über unsere Erfahrungen damit, aber auch über die Irrwege. Kein „How to“-Buch zum Nachmachen. Gähn. Keinen weiteren „Schritt-für-Schritt“-Ratgeber. Zzzzzzzzz. Uns interessierte vielmehr die andere Seite der Medaille. Das, worüber die Leue nicht so häufig sprechen. Die unweigerlichen Fails und Fuck-ups auf dem langen Weg zum agilen Unternehmen. Also genau jene Momente, in denen ein vermeintlich guter Plan – mal wieder – katastrophal gegen die Wand fährt. Kurzum: die Fehler, aus denen wir nahezu all unser Wissen und unsere Erfahrung gewonnen haben!

Was motiviert die Leute zu einem Buch zu sprinten?

Ich persönlich liebe ja solche Herausforderungen: hoher Einsatz, viel Potenzial – und sehr viel Raum für Fehlschläge. Das spiegelt recht gut die Arbeitsmentalität bei BRANDAD Systems wider und passt hervorragend zu dem geplanten Fail-Ansatz für unser gemeinsames Buch. Und just, da ich diese Zeilen tippe, wird mir klar, dass ich mir solche Challenges nicht nur im beruflichen Alltag suche, sondern gerne auch in meinen Freizeitsportarten wie dem Klettern.

Egal, ob drinnen oder draußen, ob mit Seil oder ohne – du kannst nur auf eine von zwei Arten klettern: in deinem Wohlfühlbereich oder an deiner Leistungsgrenze. Im Wohlfühlbereich erlaubst du dir ausschließlich Routen und Probleme, die du auf Anhieb sicher schaffst. In denen deine Fähigkeiten und deine Ausdauer auf jeden Fall ausreichen, und am Ende sogar noch etwas Puffer bleibt. Dabei begleitet dich laufend eine Frage: Schaffe ich das nächste Teilstück oder versuche ich es lieber gar nicht erst? Das ultimative Risiko ist der Sturz, ein kurzer Moment des Kontrollverlusts. Und obwohl du gewissenhaft nach Lehrbuch alle Sicherungsvorkehrungen getroffen hast, lässt dich der Gedanke daran erschaudern. Im Zweifel legst du eine Pause ein oder seilst dich aus einer Route wieder ab. Nur kein Risiko eingehen.

Kletterst du hingegen an deiner Leistungsgrenze, sind Stürze nicht einkalkuliert, sondern ein integraler Bestandteil deines Sports. Du trainierst sogar extra für diesen einen Augenblick, in dem ein Tritt nicht hält, was er verspricht. In dem die Erschöpfung deine Muskeln erst zittern und dann versagen lässt. In dem dir die Kraft fehlt, einen dynamischen Zug abzufangen und einen Sturz aufzuhalten. Du nimmst das auf dich, vielleicht weil du ein kleines bisschen darauf stehst, wie das Adrenalin durch deinen Körper rauscht – vor allem aber, weil du weißt, dass du deine Leistungsgrenze nur verschieben und den nächsten Schwierigkeitsgrad nur erreichen kannst, wenn du dich an dein Limit wagst. Du musst den Fall, nein, den Fail als unumgänglich akzeptieren, um dir neue Routen, neue Möglichkeiten zu erschließen.

 klettern und schreibenDas Klettern und das Schreiben haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Parallele zur Arbeitswelt

Der kurze Ausflug in mein Hobby zeigt eine deutliche Analogie zur Arbeitswelt: Falls wir uns rein in unserem Wohlfühlbereich aufhalten, meiden wir jedwedes Risiko und beugen möglichen Fehlschläge vor. Die Psychologie spricht hierbei in extremen Fällen von Atychiphobie – und die Folge aus dieser lähmenden Angst vor Scheitern ist, dass wir einfach stehenbleiben oder auf der Stelle treten. Wie sollte es auch anders sein?

Paul Watzlawick hat sich dazu mal sehr treffend geäußert: „Wenn du immer wieder das tust, was du immer schon getan hast, dann wirst du immer wieder das bekommen, was du immer schon bekommen hast.“ Fahrradfahren lernst du nun mal nicht durchs Zusehen. Das Balancieren auf der Slackline lernst du nicht, ohne herunterzufallen. Jonglieren lernst du nicht ohne den Frust, den du spürst, wenn deine Hände zum tausendsten Mal ins Leere greifen und der Ball einfach herunterfällt. Und Agilität? Agilität lernst du nicht, ohne in Sackgassen zu geraten, laufend deine Wege zu hinterfragen und immer wieder andere Ansätze zu finden.

Neue Reize, das Abenteuer im Unbekannten, das Risiko zu scheitern – DAS sind die Zutaten (nicht nur) für berufliche Weiterentwicklung. Genau das wollen wir in unserem Buch zum Ausdruck bringen. Ein Fail ist keine Niederlage. Kein Grund, den Schwanz einzuziehen. Vor allem aber ist er keine Rechtfertigung für eine Kündigung. Wenn überhaupt sollte die Bereitschaft, auch mal einen Fehlschlag in Kauf zu nehmen, ein Grund für eine Gehaltserhöhung sein! Das setzt natürlich voraus, dass wir fest an die Menschen glauben. Dass wir frei nach der Prime Directive stets davon ausgehen, dass jede und jeder immer die bestmögliche Entscheidung treffen, die die Informationslage, die individuellen Fähig- und Fertigkeiten, die Ressourcen und die Situation an dem betreffenden Zeitpunkt zulassen. Diese Mentalität leben wir hier bei BRANDAD Systems und dafür wollen wir auch Andere sensibilisieren. Weil wir finden, dass die Angst vor falschen Entscheidungen im modernen Arbeitsleben nichts zu suchen hat. Und weil wir eine Verpflichtung gegenüber der nachfolgenden Generation verspüren: „Der Book Sprint brachte mich nicht nur dazu, darüber zu schreiben, was ‚Controlling‘ in selbstorganisierten Unternehmen mit Jazz zu tun hat“, fasst Controller Jürgen Triessl das Wochenende zusammen. „Die intensiven Tage des Schreibens und die Inspiration durch die anderen Teilnehmenden führten mir deutlich vor Augen, warum ich das alles tue: Meine 13-jährige Tochter Lola und ihre Generation sollen eine Arbeitswelt vorfinden, in der es mehr Unternehmen wie BRANDAD Systems gibt!“

Aber gut, wenn wir einfach nur versagen müssen, um eine bessere Welt zu hinterlassen, ist das alles ja ganz einfach … oder auch nicht. Failen ist nicht gleich Failen und über Failen zu schreiben, ist auch keine leichte Aufgabe. „Es sollte aber leicht sein!”, findet Coach Ansgar Simon. „Es geht ja auch gar nicht um die ‚1+1 ist nicht 3’-Fehler. Sondern um solche Irrtümer, bei denen auch Experten und Könner vorher nicht genau den richtigen Weg kennen … Das war es! Das hat mich getriggert! Im Schreibstil dem Ganzen noch eine humorige und persönliche Note zu verpassen, empfand ich als sehr passend. Getreu dem Motto: ‚If it hurts do it more often’ von Martin Fowler könnten wir nun noch häufiger über Fails schreiben und uns weiter voranirren.“

Warum aber ein Book Sprint?

Gute Frage. Warum ein Book Sprint? Hätten wir das Thema nicht auch anderweitig verarbeiten können – in einem Fachbuch, das noch viel mehr in die Breite und in die Tiefe geht?

Hätten wir bestimmt. Wollten wir aber nicht.

Fachbücher über Agilität gibt es schon. Sogar einige gute. Dazu hätten wir nicht viel Neues beisteuern können. Außerdem sollte uns der Fokus des Formats Book Sprint helfen, uns wirklich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Jede Autorin und jeder Autor hat viel individuelle Leidenschaft und Expertise in die einzelnen Kapitel einfließen lassen, ohne sich in Randthemen zu verlieren oder abzuschweifen. Wir hatten uns vorab einiges vom Austausch in der Gruppe versprochen – wie fruchtbar genau der letztendlich war, hätten wir vorher jedoch niemals ahnen können: Der eng koordinierte fachlichen (und stilistische) Diskurs unter Gleichgesinnten hat uns über das gesamte Wochenende hinweg unglaublich motiviert und beflügelt. Mit dermaßen eng gesteckte Feedbackschleifen arbeiten wir im Alltag nur selten. Ich für meinen Teil war dabei die gesamte Zeit in einer Art Zen-Zustand: Mit dem Startschuss fiel mein Stresslevel aus der zurückliegenden Woche schlagartig ab. Klick. Als wenn in mir jemand einen Schalter umgelegt hätte. Ich konzentrierte mich nur noch auf die Aufgabe, die unmittelbar vor mir lag. Ohne große Mühe schaffte ich es, für 48 Stunden so gut wie keine E-Mails zu lesen, kaum auf mein Smartphone zu sehen und mich auf wohlig-angenehme Weise in einen gedanklichen Tunnel zu begeben. Eine fast schon spirituelle Erfahrung.

Ähnlich erging es auch Coach Dieter Wolf: „Der Book Sprint war für mich persönlich sehr aufwändig und jede Minute wert! Ich habe für mich sehr viel Wert daraus schöpfen können und aus meiner Sicht trifft das auch für uns als Kollegen und als Organisation zu.“ Mein Fazit, und ich glaube, meine Co-Autorinnen und Co-Autoren stimmen mir da zu: Das war ein ganz besonderes Wochenende. Der Gedanke, mich in meiner Freizeit mit den Kolleginnen und Kollegen in ein intensives Wochenendprojekt zu stürzen, hätte mir in früheren Angestelltenverhältnissen sehr wahrscheinlich schlaflose Nächte bereitet. Nicht hier. Nicht bei BRANDAD Systems. Und dafür möchte ich mich bei allen im Unternehmen herzlich bedanken.

Unsere größten Fails am Buchsprint-Wochenende

Ganz im Geiste unseres Fail-Buches hier noch eine Handvoll Aspekte, die anders gelaufen sind, als wir das vorher erwartet hätten (die Verallgemeinerungen sparen wir uns, du darfst gerne deine eigenen Schlüsse ziehen):
  1. Wie haben die Metaebene unterschätzt. Für uns ist es noch etwas früh, um vollumfänglich zu beurteilen, was das Wochenende in uns ausgelöst hat. Wir sind aber sicher: Auch abseits des Book Sprints und des Themas sind wir als Kolleginnen und Kollegen nochmal auf ganz neue Weise „zusammengewachsen“. Alle wären bei einem nächsten Sprint sofort wieder mit von der Partie.
  2. Wir waren überrascht davon, wie sehr eine geteilte Leidenschaft das Ganze zum Selbstläufer macht – und das bringt uns auch direkt zum nächsten Punkt:
  3. Wir haben vorher viel zu viel nachgedacht. Ich hatte in der Vorbereitung Hilfe von mehreren Kolleginnen und Kollegen, wir wussten aber nicht so recht, auf was wir uns genau einstellen sollten. Also haben wir überkompensiert: Wir haben nachgelesen, antizipiert, Eventualitäten vorausgeahnt und eine entsprechende Agenda gestrickt, erfahrene Moderatorinnen angefragt und uns über Motivationsspielchen unterhalten. Wir haben Schnittchen bestellt und Tische im Restaurant reserviert. Und noch einiges mehr. Ich will nicht sagen, dass diese Arbeit für die Katz war, wir hätten es aber auch einfach bei „Kaffee, Süßigkeiten und WLAN organisieren“ belassen können. Die nicht vorhandene Moderation war insofern sogar ein Plus, als dass alle sich gleichermaßen in der Pflicht fühlten, sowohl inhaltlich als auch administrativ mit einzusteigen – und das hat unserem Book Sprint extrem gut getan.

Und wie geht es jetzt weiter?

Auch wenn sich am späten Sonntagnachmittag alles gut, richtig und vollständig angefühlt hat: Wir wissen natürlich, dass wir von einem Buch, das wir auch in die Hand nehmen können, noch weit entfernt sind. Aber wir tüfteln schon an dem Weg, wie wir da möglichst schnell hinkommen. Um hier einmal in aller Deutlichkeit mit dem Zaunpfahl zu winken: Falls du bei einem Verlag arbeitest, oder jemanden kennst, … naja, du weißt schon.

Was wir auf jeden Fall vorhaben: das Thema noch eine Weile am Leben zu halten. Denn so sehr wir alle an der Vorstellung von einem Buch festhängen, so sehr glauben wir auch an die Aspekte, Sichtweisen und Gedanken, die wir in den insgesamt acht Kapiteln niedergeschrieben haben. Deshalb werden wir unsere Fails auf dem Weg in die Agilität sicher auch nochmal anderweitig aufgreifen. Vielleicht in Videoform, vielleicht als Podcast – es schadet also ganz bestimmt nicht, hier in ein paar Wochen nochmal vorbeizuschauen.

Und du?

Du bist hier, weil du auch einen Book Sprint planst? Dann meld dich gerne bei uns für einen Austausch – oder direkt bei den Kolleginnen und Kollegen, die teilgegeben haben: 

Weiterführende Links: 

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12. Juli 2021

geschrieben von:

Jürgen Krauß
Jürgen Kauß

Über die Autorin oder den Autor:

Als Texter, Podcaster und Online-Marketer findet man Jürgen sowohl vor als auch hinter den Kulissen, wenn es um unsere Außenkommunikation geht. Der Beinahe-Digital-Native treibt außerdem die Themen Personal Branding und Corporate Influencing voran. Mehr über Jürgen.