Arbeitskultur

Gendern? Finde ich doof. ABER ...

BRANDAD-Autor Jürgen Krauß hat einen Weg gefunden, sich ums Gendern zu drücken und trotzdem inklusiv zu schreiben.

Gendern? Finde ich doof, aber ...
27. September 2021

geschrieben von:

„Ausgemerzt?! Das ist Nazi-Jargon, das kannst du nicht schreiben!!“

Ich hab die Stimme meines Lektors Willi noch gut im Ohr. Damals in der Redaktion, das muss im Jahr 2007 oder 2008 gewesen sein. Normalerweise fühle ich mich von „Du kannst das nicht machen!“ ja eher herausgefordert als entmutigt – aber in diesem Fall war die Sache klar: Das haben die Nazis verwendet, damit will ich nichts am Hut haben. Klassisches Totschlagargument irgendwie. Es gibt auch noch einen Haufen anderer Tabu-Begriffe aus dieser Ecke: „entartet“ zum Beispiel; und der kollektive Singular wie in „der Engländer“ oder „der Jude“ gilt ebenfalls als Nazisprech und ist verpönt.

Sprache passt sich an. Den gesellschaftlichen Gegebenheiten. Der Jugendkultur. Der Zeit. Und den Nazis. Das war vor dem Zweiten Weltkrieg schon so und hinterher sowieso – bis heute und in alle Tage. Wer bin ich, diesen Wandel zu hinterfragen?

Ich gebe es nur ungern zu, aber beim Gendern fällt mir die Akzeptanz nicht ganz so leicht. Will ich mir schon wieder vorgeben lassen, was ich schreiben darf und was nicht? Mehr noch als das Gendern nervt mich die Diskussion drumherum, die sich immer wieder im Kreis um Sternchen, Doppelpunkte, Binnenmajuskel und Unterstriche dreht. Viele finden sich dabei in dem Dilemma wieder, dass sie sich als Content-Produzenten gar nicht NICHT zum Thema Gendern positionieren können.

Gendern: Wir können uns nicht NICHT positionieren.

Gendern sie nicht, landen sie in der „Machos, Fortschrittsverweigernde und/oder Sprachapostel“-Schublade. Gendern sie, hält sie eben jenes Sprachapostel-Lager für rückgratlos oder noch Schlimmeres. „Ich hab mich einfach noch nicht damit befasst"“ gilt Ende 2021 jedenfalls als Ausrede nicht mehr.

Gendern, ohne zu gendern

Ich habe eine recht gefestigte Meinung zum Gendern: Wir brauchen dringend mehr sprachliche Gleichberechtigung und Inklusion – ich würde mir nur wünschen, dass wir die technisch etwas sanfter umsetzen. Das Gendern von heute liest sich holprig (und hört sich gesprochen noch viel holpriger an), es ist außerdem noch nicht barrierefrei und für Menschen, die schon anderthalb Rechtschreibreformen hinter sich haben, auch irgendwie anstrengend. Jaja, ich weiß, ihr kennt wahrscheinlich alle die Argumente der Anti-Gender-Fraktion. Aber nochmal, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Wir alle sollten den Anspruch haben, zu jeder Zeit fair und gleichberechtigend zu handeln ... und zu kommunizieren! 

Gendern: Fair und gleichberechtigend kommunizieren

Nicht nur unser Handeln, sondern vor allem auch unsere Sprache schafft Realität – also wäre es überaus fahrlässig, große Teile unseres Publikums nur irgendwie mitzumeinen, statt sie auch aktiv zu berücksichtigen und mit einzubeziehen.

Hier jetzt die gute Nachricht: Ich habe mindestens mal für mich einen Ausweg aus diesem Dilemma gefunden – und ich erprobe ihn schon mehreren Jahren in der Praxis als Werbetexter, Podcaster und Online-Marketer. Bislang haben ihn all meinen Kundinnen und -Kunden ohne Wenn und Aber mitgetragen (und auch für die Corporate Language bei BRANDAD Systems haben wir uns auf diese Methode geeinigt): Statt zu gendern, schreibe ich inklusiv.

Mein Hack zum Thema Gendern: inklusives Schreiben

Hä? Inklusives Schreiben? Was soll das denn sein? Naja, ich gehe den oben genannten Problemen nicht aus dem Weg, sondern umschiffe sie. Dazu schreibe ich gänzlich ohne Gendersterchen, -gaps oder andere schwer auszusprechende Zeichen, dafür konsequent (zumindest ist das mein Anspruch) in jeweils einer der folgenden Varianten:

  • Ich benenne beide Geschlechter explizit: Liebe KOLLEGINNEN und KOLLEGEN, ihr mögt es vielleicht nicht glauben, aber in der digitalen Welt ist so gut wie immer Platz, die beiden biologischen Geschlechter explizit zu benennen (Vorschläge, wie das für andere sexuelle Identitäten aussehen kann, nehme ich gerne an). Damen nenne ich dabei zuerst, was nach Jahrhunderten der Unfairbehandlung für mich das Mindeste ist, das ich hier beitragen kann.
  • Ich verwende neutrale Varianten: Werte LESENDE, diese Form funktioniert nicht immer gleich gut, hinkt in der Einzahl und braucht etwas Mühe sowie Gewöhnung. Das Beispiel der STUDIERENDEN und der LERNENDEN zeigt jedoch, dass es mit der Gewöhnung an neutrale Formen in der Gesellschaft bereits ganz gut klappt. (Um Sprache nachhaltig zu verbessern, ist es übrigens überhaupt eine gute Idee, wenn wir besonders an Schulen sensibel mit diesem Thema umgehen.)
  • Ich zähle mit wechselnden Geschlechtern auf: Geschätzte FOLLOWERINNEN, MITLESER und FANS, ich mische in Dreier-Aufzählungen sehr gerne nach dem Muster „weiblich, männlich, neutral“. Der Geschlechterwechsel (der nicht zwangsläufig nur auf Aufzählungen beschränkt sein muss) ist meine Lieblingsvariante, weil Menschen beim Lesen nur selten hängenbleiben und die jeweils Mitgemeinten unbewusst und logisch auffüllen. Ja, es gibt auch in meinem Ansatz diejenigen, die nur mitgemeint sind – das ist in meinen Texten aber nicht pauschal immer dieselbe Bevölkerungsgruppe.
  • Ich schreibe um: Ich gebe gerne zu, dass MENSCHEN MIT EINGESCHRÄNKTEM BILDUNGSHORIZONT sehr viel sperriger und unpersönlicher ist als ein schlichtes „Vollidioten“ – aber daran kann ich mich einerseits gut gewöhnen und es andererseits sogar bewusst als Stilmittel einsetzen.

Das Beste an meiner Interpretation von inklusivem Schreiben: Ich mische die vier Varianten in längeren Texten bunt durcheinander und schaffe so Abwechslung. Tatsächlich gelingt es mir mittlerweile sogar beim Sprechen meistens, mich entweder in Variante 1 zu retten oder direkt eine der anderen Formen aus dem Stegreif zu verwenden.

Gendern: Sprache ändert sich

Und ihr so?

So, jetzt bin ich neugierig: Wie steht ihr zu dem Thema? Ich lasse mich hier gerne von anderen Wegen und Varianten überzeugen – aber mit einem schlichten „ist mir egal, ich mach einfach weiter wie bisher“ lasse ich mich heutzutage nicht mehr abspeisen.

27. September 2021

geschrieben von:

Jürgen Krauß
Jürgen Kauß

Über die Autorin oder den Autor:

Als Texter, Podcaster und Online-Marketer findet man Jürgen sowohl vor als auch hinter den Kulissen, wenn es um unsere Außenkommunikation geht. Der Beinahe-Digital-Native treibt außerdem die Themen Personal Branding und Corporate Influencing voran. Mehr über Jürgen.